Einst waren die Deutschen wohl ein Land der „Denker und Dichter“.

Woher genau diese stehende Wendung stammt, ist zumindest umstritten. Einigkeit besteht jedoch darüber, dass diese Wortverbindung im frühen 19. Jahrhundert geprägt wurde.

„Land der Dichter und Denker“: Herkunft

Im 20. Jahrhundert wurde, angelehnt an die Redewendung, oft die Abwandlung „Volk der Richter und Henker“ verwendet. Hier kann insbesondere die unter dem Eindruck des Ersten Weltkrieges entstandene Tragödie „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus als ein bekanntes Beispiel für diese Wendung genannt werden.

Zwischenzeitlich wird immer mal wieder gefragt, ob wir denn noch ein Volk der Denker und Dichter seien? Ein Volk der Richter und Henker sind die Deutschen zumindest nicht mehr.

Stattdessen ein Land von Dichtern untern Richtern?

In einer Anwaltskanzlei hat man insgesamt dann doch häufiger mit Richtern als mit Dichtern zu tun. Daneben gibt es Henker hierzulande übrigens nicht mehr.

Wer mit Juristendeutsch zu tun hat, weiß auch zu berichten, dass es dort weniger dichterisch von statten geht. Aber wie so oft bestätigen Ausnahmen die Regel. So kommt es vor – wenn auch lediglich vereinzelt – dass Richter und andere Juristen ihre dichterische Seite im Arbeitsalltag ausleben. Nachfolgend eine kleine Auswahl solcher Ausnahmen.

Der Oldenburger Schweinemastprozess

(Urteil AG Oldenburg vom 16.03.1987 – 3 C 443/86)

Tatbestand

Die Klägerin liebt Schweinebraten – besonders, wenn er billig ist -,
drum hat der Onkel ihr geraten: „Kauf dieses süße Ferkelchen
von mir für hundert Märkelchen – wenn das nicht superbillig ist!
– ich mäste es im Koben hier und du ersetzt das Schrotgeld mir!“

Der Freund, befragt, hält’s auch für billig und einen guten Tip fürwahr,
und ohne Murren zahlt er willig zweihundert Mark gleich schon in bar.
Das Ferkelchen bleibt lange klein, will gar nicht gerne schlachtreif sein,
statt nur vier Monat, wie gedacht, benötigt es beinahe acht.

Ums Schrotgeld nun für diesen Braten ist man sich in die Haar‘ geraten.
Für’s Angebot, das sie gemacht, hat sie der Onkel ausgelacht:
„Noch zwanzig Mark, das reicht nicht aus, dann bleibt das Schwein bei mir im Haus.
Ich werd es für mich selber schlachten und in die Tiefkühltruh‘ verfrachten!“

so spricht der Onkel, der besagte, im Rechtsstreit nunmehr der Beklagte.
Gesagt getan, das fette Schwein, paßt grad noch in die Truhe rein!
Die Klägerin, nun voller Groll beantragt: Der Beklagte soll
ihr gutes Geld ihr wieder geben, nachdem das Schwein nicht mehr am Leben!

Doch der Beklagte wendet ein: „Die Klag‘ wird abzuweisen sein.
Den Preis hat mir der Freund entrichtet und ihm allein bin ich verpflichtet,
und außerdem rechne ich auf mit meinem Schaden aus dem Kauf!
Viel Arbeit und der Schlachterlohn, das kost‘ zweihundert Märker schon.“

Von all den Zeugen, die gekommen hat das Gericht nur drei vernommen.
Sie wußten alle gut Bescheid und dienten der Gerechtigkeit.

Entscheidungsgründe

Lang dacht‘ ich nach und angespannt und hab‘ alsdann für Recht erkannt:
Zur Hälfte ist wohl grade eben dem Klagantrag hier stattzugeben.
Die Klägerin war mit dabei bei Schweinekauf und -mästerei,
die Geldhingabe nur allein kann doch wohl nicht entscheidend sein.

Es muß ihr unbenommen bleiben, das Geld nun wieder einzutreiben (BGB § 428).
Sie hat ja auch ein Recht darauf, weil er erfolglos blieb, der Kauf (BGB § 812).
Doch dem Beklagten umgekehrt, ist es mit Recht dann nicht verwehrt,
zu rechnen auf mit dem Verluste, den er dabei hinnehmen mußte:

denn Fleischbeschau und Schlachterkosten das sind ja wohl die beiden Posten,
die eigentlich und immerhin bezahlen müßt die Klägerin.
Hätt‘ die Vertragspflicht sie gewahrt, dann hätte er das Geld gespart.
Weil keine hat gewonn‘ von beiden drum haben – das ist einzusehen
– sie beide auch gleich stark zu leiden und für die Kosten einzustehn.
An das Gericht zahlt jeder zwar die Hälfte nur von den Gebühren,
doch seinem Anwalt – das ist zu spüren – zahlt jeder selbst das volle Honorar (ZPO § 92).
So wurde aus dem Ferkelchenfür ach nur hundert Märkelchen
– so billig sollt es sein – ein furchtbar teures Schwein!

Und die Moral von der Geschicht: Um Kleinigkeiten streit‘ man nicht,
zieh‘ jedenfalls nicht vors Gericht! Das gilt nicht nur in diesem Fall,
das gilt beinahe überall. Sonst kann Gerechtigkeit auf Erden
ganz unerfreulich teuer werden!

Urteil zum Verzug einer Mahnung in Versen

(LG Frankfurt, Urteil v. 17.02.1982 – 2/22 O 495/81)

Zunächst gab es das Mahnschreibens eines Maklers der seinen Maklerlohn begehrte:

Das Mahnen, Herr, ist eine schwere Kunst!
Sie werden’s oft am eigenen Leib verspüren.
Man will das Geld, doch will man auch die Gunst
des werten Kunden nicht verlieren.

Allein der Stand der Kasse zwingt uns doch,
ein kurz’ Gesuch bei Ihnen einzureichen:
Sie möchten uns, wenn möglich heute noch,
die unten aufgeführte Schuld begleichen.

Das Landgericht hielt das Mahnschreiben des Maklers für wirksam und bediente sich bei der Urteilsfassung der selben Form:

Auch eine Mahnung in Versen begründet Verzug;
der Gläubiger muß nur deutlich genug
darin dem Schuldner sagen,
das Ausbleiben der Leistung werde Folgen haben.

Tatbestand und Entscheidungsgründe:

Maklerlohn begehrt der Kläger
mit der Begründung, daß nach reger
Tätigkeit er dem Beklagten
Räume nachgewiesen, die behagten.

Nach Abschluß eines Mietvertrages
habe er seine Rechnung eines Tages
dem Beklagten übersandt;
der habe darauf nichts eingewandt.

Bezahlt jedoch habe der Beklagte nicht.
Deshalb habe er an ihn ein Schreiben gericht`.
Darin heißt es unter anderem wörtlich
(und das ist für die Entscheidung erheblich):

„Das Mahnen, Herr, ist eine schwere Kunst!
Sie werden`s oft am eigenen Leib verspüren.
Man will das Geld, doch will man auch die Gunst
des werten Kunden nicht verlieren.

Allein der Stand der Kasse zwingt uns doch,
ein kurz` Gesuch bei Ihnen einzureichen:
Sie möchten uns, wenn möglich heute noch,
die unten aufgeführte Schuld begleichen.“

Da der Beklagte nicht zur Sitzung erschien,
wurde auf Antrag des Klägers gegen ihn
dieses Versäumnisurteil erlassen.
Fraglich war nur, wie der Tenor zu fassen.

Der Zinsen wegen! Ist zum Eintritt des Verzug`
der Wortlaut obigen Schreibens deutlich genug?
Oder kommt eine Mahnung nicht in Betracht,
wenn ein Gläubiger den Anspruch in Versen geltend macht?

Die Kammer jedenfalls stört sich nicht dran
und meint, nicht auf die Form, den Inhalt kommt`s an.
Eine Mahnung bedarf nach ständiger Rechtsprechung
weder bestimmter Androhung noch Fristsetzung.

Doch muß der Gläubiger dem Schuldner sagen,
das Ausbleiben der Leistung werde Folgen haben.
Das geschah hier! Trotz vordergründiger Heiterkeit
fehlt dem Schreiben nicht die nötige Ernstlichkeit.

Denn der Beklagte konnte dem Schreiben entnehmen,
er müsse sich endlich zur Zahlung bequemen,
der Kläger sei – nach so langer Zeit –
zu weiterem Warten nicht mehr bereit.

Folglich kann der Kläger Zinsen verlangen,
die mit den Zugang des Briefs zu laufen anfangen.
Der Zinsausspruch im Tenor ist also richtig.
Dies darzulegen erschien der Kammer wichtig.

Wegen der Entscheidung über die Zinsen
wird auf §§ 284, 286, 288 BGB verwiesen.
Vollstreckbarkeit, Kosten beruhen auf ZPO-
Paragraphen 91, 708 Nummer Zwo.

Gereimte Trunkenheitsfahrt

(AG Höxter, Urteil vom 21.06.1995 – 8 Js 655/95)

Aus den Gründen:

Am 3.3.95 fuhr mit lockerem Sinn
der Angeklagte in Beverungen dahin.
Daheim hat er getrunken, vor allem das Bier
und meinte, er könne noch fahren hier.

Doch dann wurde er zur Seite gewunken.
Man stellte fest, er hatte getrunken.
Im Auto tat’s duften wie in der Destille.
Die Blutprobe ergab 1,11 Promille.

Das ist eine fahrlässige Trunkenheitsfahrt,
eine Straftat, und mag das auch klingen hart.
Es steht im Gesetz, da hilft kein Dreh,
§ 316 I und II StGB.

So ist es zum Strafbefehl gekommen.
Auf diesen wird Bezug genommen.
Der Angeklagte sagt, den Richter zu rühren:
„Das wird mir in Zukunft nicht wieder passieren!“

Jedoch es muß eine Geldstrafe her,
weil der Angeklagte gesündigt, nicht schwer.
30 Tagessätze müssen es sein
zu 30,- DM. Und wer Bier trinkt und Wein,
dem wird genommen der Führerschein.

Die Fahrerlaubnis wird ihm entzogen,
auch wenn man menschlich ihm ist gewogen.
Darf er bald fahren? Nein, mitnichten.
Darauf darf er längere Zeit verzichten.
5 Monate Sperre, ohne Ach und Weh,
§§ 69, 69a StGB.

Und schließlich muß er, da hilft kein Klagen,
die ganzen Verfahrenskosten tragen,
weil er verurteilt, das ist eben so,
§ 465 StPO.

Woraufhin der Anwalt in seinem Schriftsatz schrieb:

Der Mandant, einerseits zufrieden,
andererseits ein wenig beklommen,
hat den Urteilsspruch vernommen.
Im Hinblick auf die Sach- und Rechslagen, die allseits bekannten,

und nach Rücksprache mit dem Mandanten
tu ich hiermit kund
für alle in der Rund‘,
für Staatsanwaltschaft und Gericht:
Rechtsmittel einlegen – tun wir nicht.

Das „Barhocker-Urteil“ bzw. „Russenpuff-Urteil“

(Arbeitsgericht Detmold, Urteil vom 23.08.2007 – 3 Ca 842/07)

Insbesondere dieses Urteil hat für einiges Aufsehen gesorgt. So wurde vielfach angemerkt, dass es bei der hohen Arbeitsbelastung der Gerichte nicht nachvollziehbar sei, wenn Richter noch Zeit zum Dichten hätten.

Tatbestand

Der Streit entstand, weil der Beklagte im Rechtsstreit vorzutragen wagte,
was nun der Klägerin sehr missfällt. Sie fordert deshalb Schmerzensgeld.
Dass der Beklagte schweigen soll, verlangt sie ferner voller Groll.
Was ist der Grund für ihre Klage? Nun, der Beklagte hat in […]

einst einen Spielbetrieb besessen. Die Klägerin ihrerseits indessen
erhielt – als Aufsicht eingesetzt – für diese Tätigkeit zuletzt
als Stundenlohn, wie man das kennt, nur sieben Euro und 11 Cent.
Oft kamen dorthin manche Kunden erst in den späten Abendstunden,

um sich – vielleicht vom Tagesstress  beim Spielen auszuruh’n. Indes
behauptet nunmehr der Beklagte, dass es die Klägerin dann wagte,
so neben ihren Aufsichtspflichten noch andere Dinge zu verrichten:
so habe sie sich nicht geniert und auf dem Hocker masturbiert.

Was dabei auf den Hocker troff befände sich im Hockerstoff.
Die Spielbar sei aus diesem Grunde als „Russenpuff“ in aller Munde.
Er habe zwar nun dies Geschehen nicht selbst vor Ort mitangesehen.
Doch hätten Zeugen ihm beschrieben, was dort die Klägerin getrieben.

Er kündigte aufgrund der Kunde der Klägerin aus andrem Grunde,
um – dies ließ er jedoch betonen – den Ruf der Klägerin zu schonen.
Die Klägerin klagte dann sogleich. Man einigte sich im Vergleich
– hier mag man die Parteien loben – denn der Vertrag ward aufgehoben

und – um die Sache abzurunden – die Klägerin noch abgefunden.
Der Klägerin reichte dies nicht hin, denn ihr steht noch nach Mehr der Sinn.
Sie habe nie vor all den Zockern sich selbst befriedigt auf den Hockern.
Der Pein, die man ihr zugefügt, der werde nur durch Geld genügt.

Die Lügen – für sie nicht zu fassen – muss der Beklagte unterlassen.
[…]

Vortrag des Beklagten:

Er meint, es fehle dieser Klage der Grund, dies stehe außer Frage.
Er habe nichts etwa „erdichtet“ nein, nur in dem Prozess berichtet
– und so die Kündigung begründet – was vorher Zeugen ihm verkündet
und diesen habe er geglaubt. Dies sei ihm doch wohl noch erlaubt.

Was nun die Klägerin bestreitet,das habe er auch nie verbreitet.
Er habe doch nur im Prozess berichtet wie gehört. Indes:
er könne schließlich nach Belieben was dort die Klägerin getrieben
beweisen: erstens durch die Zeugen; die würden sicher nichts verschweigen.

Und zweitens durch den Stoffbezug des Hockers, die die Klägerin trug.
Er reichte ihn – den gut verpackten – bereits zu den Verfahrensakten ,
auf dass nunmehr die Analyse der Klägerin Tun exakt bewiese.
Was die Parteien noch so sagen ist in der Akte nachzuschlagen.

Entscheidungsgründe:

Die Klage – wie die Kammer findet – ist vollumfänglich unbegründet.
1. Auch wenn’s der Klägerin missfällt: es gibt für sie kein Schmerzensgeld;
denn der Beklagte durfte hier sich äußern, wie er’s tat. Dafür
gilt dies hier nur in den Verfahren – sonst darf er auch nichts offenbaren.

Er hat – um auf den Punkt zu kommen – insoweit etwas wahrgenommen,
was der, der die Gesetze kennt „berechtigtes Interesse“ nennt.
Zwar könnte man zu Recht hier fragen: darf man denn einfach etwas sagen,
wenn man es nur von anderen hört und dies wen es betrifft empört?

Besteht nicht wenigstens die Pflicht, dass man sich informiert und nicht
leichtfertig irgendwas verbreitet, was anderen Verdruss bereitet?
Dass der Beklagte so ganz „locker“ erfand das Treiben auf dem Hocker,
er also nicht aus Zeugenmunde erfuhr die „sexuelle Kunde“,

hat selbst die Klägerin nicht erklärt. So war es ihm auch nicht verwehrt
die Kunde für sich selbst zu nützen, hierauf die Kündigung zu stützen.
Die Klägerin hat nämlich nicht bestritten, dass hier ein Bericht
der Zeugen stattfand, der Beklagte nur wiedergibt, was man ihm sagte.

Auch dafür, dass die beiden Zeugen persönlich vielleicht dazu neigen
bewusst die Unwahrheit zu sagen ward im Prozess nicht vorgetragen.
So musste der Beklagte nicht misstrauen ihrem Tatbericht
um selbst der Sache nachzugehen was in der Spielbar so geschehen.

Nur wenn sein Ziel war zu verletzen, die Klägerin herabzusetzen,
sie zu verleumden, zu entehren war ihm dies deutlich zu verwehren.
Kurz: es kommt letztlich darauf an, ob’s der Beklagte selbst ersann,
er also gleichsam phantasierte, wie sich die Klägerin gerierte.

Und deshalb bleibt auch unergründet, was sich im Hockerstoff befindet
und ob die Zeugen sah’n und hörten, was dem Beklagten sie erklärten.
Nein, der Beklagte muss mitnichten ein hohes Schmerzensgeld entrichten.
2. Auch unbegründet – ohne Frage – ist hier die Unterlassungsklage.

Die Klägerin hat nicht vorgetragen, dass der Beklagte sozusagen
nun coram publico beschrieben was auf dem Hocker sie getrieben.
Nur im Prozess hat er erklärt, was jetzt die Klägerin empört.
Das durfte er – wie dargestellt, womit natürlich das entfällt,

was letztlich Grund der Klage war: die zu befürchtende Gefahr,
dass der Beklagte überall herumerzählt den „Hockerfall“,
bestrebt ist, unter allen Leuten was man ihm zutrug zu verbreiten.
Die Kosten, dies bleibt noch zu sagen; sind von der Klägerin zu tragen.
Der Streitwert war nach den Gesetzen – wie hier geschehen – festzusetzen.

Fazit – Oder: Wir können das auch!

Das der Juristen Sprache seltsam ist,
mit endlosen Schriften über Antrag und Frist.
Das ist den Leuten wohlbekannt,
doch wie man sieht, wird oft verkannt,

dass auch Juristen – wenn  sie denn wollen –
schöner Sprache Anerkennung zollen.
Es sei hier jedoch bemerkt,
dass soweit der Eindruck sich verstärkt,

die Zahl von illustren Dichtern
sei groß unter den deutschen Richtern:
Nein, das Reimen ist nicht des Richters Sinn
und bleibt der Einzelfall mithin.

Genug nunmehr von Vers und Reim!
Und so kehrt man wieder heim.
Zu jedermann täglich Allerlei
mit der Lyrik ist’s indes vorbei.

<strong><span style="font-size: 80%;">KUJUS Strafverteidigung</span></strong>
KUJUS Strafverteidigung

Die Kanzlei KUJUS Strafverteidigung ist eine auf das Strafrecht spezialisierte, bundesweit tätige Kanzlei in Leipzig. Wir stehen Ihnen im gesamten Strafverfahren zur Seite.

Kontakt zur Kanzlei

Uferstraße 19, Leipzig

0341 - 978 56290

Senden Sie uns eine Nachricht