Erstattung von 18.000 Kopien

Beantragt der Verteidiger (z.B. als Pflichtverteidiger) die Kostenerstattung für die Herstellung von Aktenkopien, sieht er sich regelmäßig äußerst knausrigen Rechtspflegern und Bezirksrevisoren gegenüber.

Es wird gekürzt und gekürzt… Die ganzen Kürzungen treiben zeitweise recht eigenwillige Blüten.

Ausgangslage

Übersendet das Gericht oder die Staatsanwaltschaft dem Verteidiger die Ermittlungsakte zur Einsicht, ist dies regelmäßig mit einer knappen Rückgabefrist von drei Tagen, gelegentlich auch mal von einer oder – bei sehr umfangreichen Sachen – zwei Wochen, verbunden.

Viele Rechtspfleger stellen sich auf den Standpunkt, der Verteidiger möge zunächst alle Akten durchsehen, und danach entscheiden, welche Seiten benötigt und kopiert werden müssen. Die zu erstattenden Kosten werden dann von den Rechtspflegern nahezu willkürlich gekürzt.

Dies ist nicht nur aus zeitlichen Gründen Unsinn. Denn viele Akten erreichen uns in Umzugskartons, sodass das vorherige Aussortieren und Durchsehen überhaupt nicht möglich ist.

Die Rechtspfleger verkennen auch den Umstand, dass nie abgesehen werden kann, welche Seiten tatsächlich für die effektive Verteidigung gebraucht werden. Auch Aktenteile, die (vermeintlich) „nur“ einen Mitangeklagten betreffen, oder harmlos anmutende Verfügungszettel und Zustellungsurkunden können im weiteren Verfahren wichtig werden und mitunter entscheidend für die Verteidigung sein.

Es ist deshalb absolut notwendig und nicht diskutabel, dass die Akten komplett kopiert werden müssen.

Entscheidung des LG Braunschweig

Kürzlich hat sich das LG Braunschweig mit Beschluss vom 21.12.2017 – Az. 16 KLs 411 Js 22675/10 (16/14) auf die Seite der Verteidiger geschlagen.

In der Sache hat die Erinnerung keinen Erfolg. Die Festsetzung der Auslagen im Beschluss vom 01.12.2017 ist begründet.

Dem Grunde nach steht dem Verteidiger eine Erstattung der Dokumentenpauschale im Zusammenhang mit seiner Beiordnung nach Ziffer 7000 der Anlage 1 zu § 2 Abs. 2 RVG zu. Die Pauschale für die Herstellung von Kopien beträgt demnach für die ersten 50 abzurechnen Seiten 0,50 €, für jede weitere Seite 0,15 €.

Der Verteidiger hat die Erstattung der Pauschale für 17.497 Seiten beantragt. Die Kopien wurden im Büro des Verteidigers aus den für eine Woche zur Verfügung gestellten Verfahrensakten. die zu jener Zeit sieben Umzugskartons füllten, angefertigt.

Eine Dokumentenpauschale nach Nummer 7000 Ziff. 1 a VV RVG entsteht, soweit die Herstellung der Kopien zur sachgemäßen Bearbeitung der Rechtssache geboten war. Ob die Anfertigung zur sachgerechten Bearbeitung erforderlich ist, beurteilt sich im Einzelfall nach dem objektiven Standpunkt eines vernünftigen sachkundigen Dritten (OLG Nürnberg, Beschluss vom 30.5.2017. 2 Ws 98/17, zitiert nach juris). Maßgeblich ist die Sicht eines verständigen und durchschnittlich erfahrenen Verteidigers. wenn er sich mit der betreffenden Gerichtsakte beschäftigt und alle Eventualitäten bedenkt, die bei der dann noch erforderlichen eigenen Bearbeitung der Sache auftreten können (BGH, Beschluss vom 26.04.2005, X ZB 17/04, zitiert nach juris). Dem Verteidiger ist ein gewisser Ermessensspielraum unter Beachtung des Grundsatzes der kostenschonenden Prozessführung zuzubilligen (OLG Celle, Beschluss vom 28.11 2011, 1 Ws 415/11, zitiert nach juris).

Die Herstellung der Kopien war im vorliegenden Fall geboten. Dem von dem Verteidiger vertretenen Angeklagten werden zum Teil täterschaftlich, zum Teil mittäterschaftlich mit weiteren Angeklagten begangene Taten zur Last gelegt. Es ist daher aus Sicht des Verteidigers nicht von vornherein ausgeschlossen, dass auch andere Taten als die dem von ihm vertretenen Angeklagten allein zur Last gelegten sich für seine Verteidigung als bedeutsam erweisen. Hinzu kommt, dass es dem Verteidiger bei Überlassung der Akten in sieben Umzugskartons für eine Woche nicht zugemutet werden konnte, jeden Aktenband im Einzelnen auf relevante Einzelurkunden durchzusehen. Die in den seitens der Bezirksrevisorin aufgeführten Entscheidungen genannten Fälle betrafen Sachverhalte, in denen der Aktenumfang deutlich geringer als im vorliegenden Wirtschaftsstrafverfahren war, zum Teil nur einige 100 oder einige 1000 Seiten. Auf einer Akte mit damals über 17.000 Seiten sind die genannten Entscheidungen aus diesem Grund nicht pauschal übertragbar, es kommt auf die Besonderheiten des Einzelfalls an.

Soweit sich in den Akten tatsächlich Unterlagen befinden, die sich ex ante für die konkrete Verteidigung als nicht geboten erweisen, so kann dem mit einem pauschalen Abschlag von 10 % – wie geschehen – Rechnung getragen werden.

Die Entscheidung des OLG Köln (Beschluss vom 16.7.2012, III – 2 Ws 499/12, 2 W 499/12, zitiert nach juris) steht dem nicht entgegen. Demnach stellt das ungeprüfte vorsorgliche Ablichten der gesamten Akte, die regelmäßig für die Verteidigung irrelevante Dokumente wie Verfügungen oder Empfangsbekenntnisse enthält, keine ordnungsgemäße Ausübung des Ermessens mehr dar. Kopien sind demnach nur in dem Rahmen abrechnungsfähig, indem sie aus der ex-ante Sicht des Verteidigers zu fertigen gewesen wären. Ein solcher Fall „vorsorglichen Ablichtens“ liegt nicht vor, da dem unter Berücksichtigung der Besonderheiten des Einzelfalls der Umfang der Sache entgegensteht.

Auch aus der Entscheidung des OLG Koblenz (Beschluss vom 16.11.2009 – 2 Ws 526/09, zitiert nach juris) ergibt sich für den vorliegenden Fall nichts anderes. in jenem Fall war ein vollständiges Aktendoppel für den Angeklagten gefertigt und die Erstattung dieser Auslagen beantragt worden.

Für die Verfahrenskosten gilt § 56 Abs. 2 S. 2, 3 RVG.

via Burhoff

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