Sexueller Missbrauch von Kindern – § 176 StGB

Im Bereich der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung knüpfen viele Strafvorschriften auf das Verhältnis zwischen Opfer und Täter oder Eigenschaften des Opfers an, die dieses besonders schutzbedürftig erscheinen lassen. 

Letzteres spiegelt sich auch in § 176 StGB wieder, der den sexuellen Missbrauch von Kindern unter Strafe stellt.

Dort heißt es

(1) Wer sexuelle Handlungen an einer Person unter vierzehn Jahren (Kind) vornimmt oder an sich von dem Kind vornehmen läßt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft.
 
(2) Ebenso wird bestraft, wer ein Kind dazu bestimmt, daß es sexuelle Handlungen an einem Dritten vornimmt oder von einem Dritten an sich vornehmen läßt.
 
(3) In besonders schweren Fällen ist auf Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr zu erkennen.
 

(4) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer

1. sexuelle Handlungen vor einem Kind vornimmt,

2. ein Kind dazu bestimmt, dass es sexuelle Handlungen vornimmt, soweit die Tat nicht nach Absatz 1 oder Absatz 2 mit Strafe bedroht ist,

3. auf ein Kind mittels Schriften (§ 11 Absatz 3) oder mittels Informations- oder Kommunikationstechnologie einwirkt, um

a) das Kind zu sexuellen Handlungen zu bringen, die es an oder vor dem Täter oder einer dritten Person vornehmen oder von dem Täter oder einer dritten Person an sich vornehmen lassen soll, oder

b) um eine Tat nach § 184b Absatz 1 Nummer 3 oder nach § 184b Absatz 3 zu begehen, oder

4. auf ein Kind durch Vorzeigen pornographischer Abbildungen oder Darstellungen, durch Abspielen von Tonträgern pornographischen Inhalts, durch Zugänglichmachen pornographischer Inhalte mittels Informations- und Kommunikationstechnologie oder durch entsprechende Reden einwirkt.

(5) Mit Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren wird bestraft, wer ein Kind für eine Tat nach den Absätzen 1 bis 4 anbietet oder nachzuweisen verspricht oder wer sich mit einem anderen zu einer solchen Tat verabredet.
 
(6) Der Versuch ist strafbar; dies gilt nicht für Taten nach Absatz 4 Nr. 3 und 4 und Absatz 5.

Wer ist „Kind“ im strafrechtlichen Sinne?

Kinder sind Personen unter vierzehn Jahren. Auf das „geistige Alter“ kommt es nicht an.
 
Eine Person, die bereits 14 Jahre oder älter ist, gilt nicht mehr als Kind im Sinne des Strafgesetzbuches, und können entsprechen nicht Opfer dieser Straftat sein. Hier kommt allerdings die Verwirklichung anderer Tatbestände wie der sexuelle Missbrauch von Jugendlichen, die sexuelle Nötigung oder die Vergewaltigung in Betracht.

Sexuelle Handlung

Der Begriff der sexuellen Handlungen wird recht weit gefasst. Eine sexuelle Handlung ist „jede körperliche Berührung, die nach ihrem äußeren Erscheinungsbild und ihrem sozialen Sinn sexualbezogen ist“.

Maßgeblich ist letztlich, ob die Handlung nach ihrem äußeren Erscheinungsbild, also nach der Ansicht eines unbeteiligten Dritten, als sexuell einzustufen ist. Eine sexuelle Handlung liegt daher in jedem Fall vor, soweit sie einen eindeutigen Bezug zum Geschlechtlichen aufweist.

Auf die innere Motivation des Täters kommt es dann nicht an. In diesen Fällen wäre es egal, ob der Täter die Handlung aus sexualbezogenen Gründen, aus Neugier, aus Spaß oder sonstigen Zwecken vorgenommen hat.

Umfasst ist daher nicht nur der orale, vaginale oder anale Geschlechtsverkehr, sondern bereits das Berühren der Geschlechtsorgane, aber auch das Streicheln des unbekleideten Pos.

Die Fallgestaltungen sind in der Praxis recht vielfältig. Strafbar sind u.a. folgende Handlungen:

  • Vornahme sexueller Handlungen an einem Kind
    • z.B. Berühren von Brust, Po oder Geschlechtsteilen des Kindes sowie das Küssen und Streicheln 
  • Bestimmung des Kindes zur Vornahme sexueller Handlung am Täter
    • z.B. Anfassen des Penis
  • Vornahme sexueller Handlungen vor einem Kind
    • z.B. Masturbation, Onanieren
  • Bestimmung eines Kindes sexuelle Handlungen vorzunehmen
    • z.B. Handlungen des Kindes an sich selbst
  • Einwirken auf das Kind mittels Schriften, Informations- oder Kommunikationstechnologie um es zur Vornahme einer der vorgenannten Handlungen zu bewegen
    • z.B. über Chat, WhatsApp, SMS, Nachrichten, Webcam, Skype, Facebook, Twitter, Instagram, Snapchat, Tinder etc.
  • Einwirkung auf das Kind durch das Abspielen, Vorzeigen oder Zugänglichmachen pornografischer Inhalte oder durch Reden entsprechenden Inhalts
    • z.B. Zeigen oder Versenden von Pornofilmen oder Internetlinks an ein Kind

Absolute Altersgrenze

Die vorgenannte Altersgrenze von Kindern gilt absolut. 
 
Das bedeutet: Für eine Strafbarkeit nach dieser Vorschrift ist allein maßgeblich, ob das Opfer unter 14 Jahre alt ist. 
 
Unerheblich ist, ob der Beschuldigte selbst erst 14 Jahre, und damit gerade erst strafmündig geworden ist, kurz vor der Volljährigkeit steht oder längst erwachsen ist. Gleichwohl spielt das Alter des Täters hinsichtlich der Anwendung von Jugend- oder Erwachsenenstrafrecht eine Rolle.

Kinder und Kinder

Wer unter 14 Jahre alt ist, ist nach deutschem Recht nicht strafmündig. Das heißt, er kann für sein Handeln nicht strafrechtlich belangt werden.

Kommt es zu sexuellen Handlungen zwischen zwei Kindern (z.B. zwischen einem 12-jährigen Mädchen und einem 13-jährigen Jungen), bleiben beide straffrei.

Kinder und Jugendliche

Führt eine Person, die schon über 14 Jahre, aber noch keine 18 Jahre alt ist, mit einer Person unter 14 Jahren, sexuelle Handlungen durch, ist dies als „sexueller Missbrauch von Kindern“ strafbar. Hier drohen Freiheitsstrafen von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.

Darauf, dass das Mädchen mit dem Sex einverstanden war und auch keinerlei Druck oder Gewalt ausgeübt worden ist, kommt es nicht an. Entscheidend für die Strafbarkeit ist allein das Alter des Opfers und das Alter des Täters.

Diese Fälle kommen in der Praxis häufig vor, da gerade im Grenzbereich von 13/14 Jahren viele Jugendliche ihre ersten sexuellen Erfahrungen sammeln.

Aber: Anwendung des Jugendstrafrechts

Ist der Beschuldigte zwischen 14 und 18 Jahren alt, kommt zwingend das Jugendstrafrecht zur Anwendung. Dies hat für den Beschuldigten die günstige Folge, dass die hohen Strafen des „allgemeinen Strafrechts“ nicht gelten.

Das Jugendstrafrecht sieht im Jugendgerichtsgesetz (JGG) eigene Ahndungen vor – etwa das Ableisten von Arbeitsstunden („Sozialstunden“). Dabei ist das Ziel des Jugendstrafrechts nicht das Strafen, sondern die Erziehung des Täters.

Vielfach kann auch in den Fällen des sexuellen Missbrauchs das Verfahren schonend und ohne eingreifende Konsequenzen beendet werden.

Kinder und Heranwachsende

Ist der Täter zum Zeitpunkt der Tat zwischen 18 und 21 Jahre alt, gilt grundsätzlich Erwachsenenstrafrecht. Allerdings kann auch das mildere Jugendstrafrecht angewendet werden. Die Anwendung von Jugendstrafrecht in dieser Altersgruppe hängt dabei von der individuellen Reifeentwicklung des Beschuldigten ab.

Kinder und Erwachsene

Jegliche sexuelle Beziehung zwischen Erwachsenen und Kindern stehen unter Strafe. Es gelten die Sanktionen des Erwachsenenstrafrechts.

Sexueller Missbrauch von Kindern: Strafe

Der Missbrauch von Kindern nach § 176 Abs. 1 und Abs. 2 StGB wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren geahndet. In besonders schweren Fällen beträgt die Strafe nach § 176 Abs. 3 StGB Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr. Wird das Kind in den Fällen des sexuellen Missbrauchs von Kindern nach § 176 Abs. 1 – 3 StGB körperlich schwer misshandelt oder durch die Tat in die Gefahr des Todes gebracht, ist auf Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren zu erkennen.  

Die konkrete Strafe ist von den jeweiligen Umständen des Einzelfalls abhängig. So ist die Art des Abhänigkeitsverhältnisses zwischen Opfer und Täter ebenso entscheidend wie die Dauer und Intensität der sexuellen Handlung. Nicht zuletzt sind auch die Persönlichkeit des Täters, die Anzahl der vorgeworfenen Tathandlungen und das Verhalten nach der Tat sowie die die Auswirkungen der Tat auf das Kind maßgeblich.

Schwerer sexueller Missbrauch von Kindern, § 176a StGB

Der schwere sexuelle Missbrauch von Kindern wird mit besonders hohen Strafen geahndet.
 
Wurde der Täter bereits wegen einer solchen Straftat in den letzten fünf Jahren rechtskräftig verurteilt, ist gemäß § 176a Abs. 1 StGB auf Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr zu erkennen. 
 
Der sexuelle Missbrauch wird mit Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren bestraft, wenn eine Person über 18 Jahren mit einem Kind den Geschlechtsverkehr vollzieht oder ähnliche sexuelle Handlungen an dem Kind vornimmt, die mit einem Eindringen in den Körper des Kindes verbunden sind.
 
Ebenso wird bestraft, wenn der Täter beabsichtigt, eine kinderpornografische Schrift herzustellen und diese zu verbreiten.
 
Ein schwerer sexueller Missbrauch von Kindern liegt ebenfalls vor, wenn die Tat mit mehreren gemeinschaftlich begangen worden ist oder das Kind aufgrund der Tat in die Gefahr einer schweren Gesundheitsschädigung oder einer erheblichen Schädigung der körperlichen oder seelischen Entwicklung gebracht wird.

Verjährung

Die Verjährung für Taten nach § 176 Abs. 1 und 2 StGB beträgt 10 Jahre. Taten nach § 176 Abs. 3 StGB verjähren nach 20 Jahren. Taten nach § 176 Abs. 4 und 5 StGB verjähren nach 5 Jahren.

Bei Sexualdelikten gibt es allerdings eine wichtige Besonderheit bei der Verjährung. Nach § 78b Abs. 1 Nr. 1 StGB ruht die Verjährung bis zur Vollendung des 30. Lebensjahrs des Opfers.

Das bedeutet, dass die vorgenannten Verjährungsfristen erst mit Vollendung des 30. Lebensjahres des „Kindes“ beginnen.

Ist das Opfer also derzeit 13 Jahre alt, beginnt die Verjährung erst in 17 Jahren zu laufen. Ab diesem Zeitpunkt kann die Tat – je nach vorgeworfener Tatvariante – weitere 5, 10 oder gar 20 Jahre verfolgt werden.

Beim Missbrauch von Kindern verjähren Taten daher erst in 22 bis zu 37 Jahren.

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